• Die Ruine in Seitenansicht © Stadt Bingen am Rhein

  • Gemeinsam bildeten Burg Ehrenfels und der Mäuseturm eine mittelalterliche Zollbarriere am Fluss © Stadt Bingen am Rhein

Die breite Front des zerstörten Palas der Ruine Ehrenfels liegt auf einem Felsen quer zum Rhein hin. Auch bei näherer Betrachtung ist kaum auszumachen, wo der Felsrücken aufhört, wo die Burgmauer beginnt. Es war der Anblick solcher in der Landschaft wurzelnder Trümmer, der Friedrich Schlegels romantische Vorstellung von den „Denkmalen der Heldenzeit“ begründete. Schön sei für ihn, was wild und rau erscheine, formulierte der Dresdner Ästhetiker, Philosoph und Schriftsteller Jahre nach seiner Rheinreise 1802. Erhaben seien die „Spuren menschlicher Kühnheit in den Ruinen der Natur, kühne Burgen auf wilden Felsen“. Von diesem Zeitpunkt an waren die Gegenden am „alten vaterländischen Strom“ ästhetisch umgewertet. Sie bildeten zugleich eine Geschichtslandschaft. Der Blick zurück war den Romantikern Modell der Zukunft.

Referenzen:

Friedrich Schlegel

Johann Georg Schneider, Burg Ehrenfels mit dem Mäuseturm, Kloster Rupertsberg, Bingen und die Nahemündung, um 1800, Aquarell

Die Darstellung Schneiders der 1689 von Franzosen zerstörten Burg ist noch nicht romantisch: Eine Ruinen-Romantik setzte erst mit Friedrich Schlegels neuer rheinischer Landschaftsästhetik und der berühmten Rheinreise Clemens Brentanos und Achim von Arnims im Jahr 1802 ein.

Zeigte sich in deren Literatur unmittelbar ein Widerhall neuer, den Rhein verklärender Ansichten, zogen sie in Malerei und Graphik nur zögerlich ein. Es dauerte Jahre, bis sich Raues und Wildes in der Kunst durchsetzte.

Schneiders um 1800 entstandenes Aquarell führt eine arkadische Landschaft mit Ruine vor. Das damals noch gefährlich stromschnelle Binger Loch gleicht einem ruhigen See.

© Sammlung RheinRomantik, Bonn

Landschaftsmalerei an Rhein und Main vor 1800
Künstliche komponierte Ideallandschaften und topographisch genaue Naturschilderungen standen gegen Ende des 18. Jahrhunderts in einem Spannungsverhältnis zueinander. Viele Künstler überbrückten diese Gegensätze in ein- und demselben Werk. Man knüpfte zunächst an den wiederentdeckten Niederländer Herman Saftleven an und ahmte dessen frühe Rhein-Malerei des 17. Jahrhunderts nach: Christian Georg Schütz, der Ältere, präsentierte kunstvoll aus Einzelelementen arrangierte und in stimmungsvolles Licht getauchte Flusslandschaften. Doch Schütz setzte sich ebenso mit realen Naturbildern auseinander, die seine traditionelle Sicht beeinflussten. Einer schematischen, idealistischen Auffassung waren zwar auch die Brüder Caspar und Georg Schneider verhaftet. Allerdings vermochten sie es, Motive von Rhein und Main in topographische Gegebenheiten einzupassen. Zeitgleich mit dem Wirklichkeitssinn, der so zum Vorschein kam, entwickelte sich eine neue Lust an der Freilichtarbeit: Mit Zeichenstift und Wanderschuhen erkundeten Künstler die Vorzüge heimischer Gefilde. Oder sie schärften ihre Sinne dafür auf Reisen in die Ferne.

Christian Georg Schütz, der Vetter, Vue de Bingen avec la Tour aux Souris et le Frou de Bingen, 1811, Aquatinta

Das Binger Loch mit seinen Stromschnellen war schon lange ein Motiv der Kunst. Mit dem anbrechenden 19. Jahrhundert jedoch änderte sich der Blick nicht nur auf diesen Abschnitt des Rheins. Eine Mittelalterbegeisterung und die Worte des Romantik-Vordenkers Friedrich Schlegel von „kühnen Burgen auf hohen Felsen“ verknüpfte jetzt Ruinen, vergangene „Heldenzeiten“ und die Natur zu neuen Bildaussagen.

In der Graphik mit der Binger Loch-Ansicht nach einer Vorlage des Frankfurter Malers Christian Georg Schütz dem Vetter von 1811 überwiegt Dramatik vor lieblicher Anmut. Erstmals ist hier eine romantische Ruine inszeniert: In luftiger Höhe platziert, tragen die Reste der Ehrenfels eine Stimmung von Erhabenheit ins Bild.

© Museum am Strom, Bingen

Landschaftsmalerei an Rhein und Main nach 1800
Romantischen Malern war es um die Einheit des Inneren mit dem Äußeren zu tun. Die Innenschau des Subjekts korrespondierte mit dem äußeren Naturerleben. Unter diesen Vorzeichen erhielten Landschaftsszenerien einen höheren Sinn. „Ohne innere Aufregung des Gemüts“ sei alle Kunst tot, gab der Naturwissenschaftler und Künstler Carl Gustav Carus zu bedenken und warnte vor „poetischen Krüppeln“. Doch die Landschaftsmaler an Rhein und Main operierten nach 1800 vor allem im Zwischenraum von Romantik und Realismus. Sie setzten auf Idyllen und Empfindung, manchmal Symbolisches. Selten abstrahierte man vom Naturvorbild. Realistische Schilderungen, atmosphärisch präsentiert, lagen bei der jüngeren Generation im Kurs. Auch sachlich-strenge Veduten liefen parallel nebenher. Ein höherer Sinn offenbarte sich, wo Darstellungen von (Kultur-)Landschaften zugleich Geschichte transportierten. Caspar Scheuren oder Carl Friedrich Lessing verwoben ihre Bildgegenstände mit überzeitlichen Historien, mit Sagen und Mythen.