• Die Anlage der Wallfahrtsstätte um die Mitte des 18. Jahrhunderts, Kupferstich aus: Kilian Müller, Die Aufhebung der Wallfahrt Nothgottes im Rheingau: ein Zeitgemälde. Mainz 1907.

  • Unbekannter Maler, Rüdesheim, Schloss Johannisberg und die Rochuskapelle, um 1820-25, Gouache auf Papier © Sammlung RheinRomantik, Bonn

Der ganze Rhein voller Nachen. Gläubige landeten mit ihren Booten bei Rüdesheim an und stiegen singend zur Prozession nach Noth Gottes herauf. „Mir war Angst, es möcht’ unserm Herrgott zu viel werden“, spötttelte Bettina von Arnim in ihrem Briefbuch „Goethe’s Briefwechsel mit einem Kinde“. Für sie war es nur ein „Schariwari“, ein Durcheinander. Ergriffen war dagegen ihr späterer Ehemann, Achim von Arnim. Am Ende seiner Novellen-Sammlung „Der Wintergarten“ (1809), holte er seinem Freund Clemens Brentano die Bilder noch einmal zurück. „Waren wir nicht fromme Pilger nach Noth Gottes, und hielten den singenden Engeln so treulich die Notenbücher, und doch mußten wir fortziehen, wir beyde, auch du, der du so nahe geboren.“ In einem engen Tal hinter dem damaligen Dorf Rüdesheim, heute im Stadtteil Eibingen, verbarg sich die frühere Pilgerstätte: das Kapuzinerkloster „zur Noth Gottes“. 16.000 Wallfahrende sollen es zu Fastenzeiten aufgesucht haben: Im Glauben an die Sage des Ritters Brömser und eine betende Christus-Skulptur, die ihm seine Not jammerte. In der Hoffnung auf Wunder. Skepsis an dem Aberglauben meldete der schriftstellernde Arzt Friedrich Albert Klebe schon in „Reise auf dem Rhein“ an. 1802 veröffentlicht, im Jahr der Rheintour Brentanos und Arnims, schilderte Klebe in dem frühen Gästeführer den „Unsinn“: Angeblich wären viele unfruchtbare Frauen und Versehrte hier geheilt worden. Die Kirche des Klosters enthalte „eine Menge Krücken und menschliche Gliedmaßen von Holz.“

Referenzen:

RR 4: der Ostein
Clemens Brentano
Achim von Arnim

Peter Eduard von Ströhling, Bildnis Carl Joachim Friedrich Ludwig Achim von Arnim, 1803/04, Öl auf Leinwand
Ludwig Emil Grimm, Bildnis Clemens Brentano, 1837, Radierung (Ausschnitt)

© Goethe-Haus Frankfurt / Freies Deutsches Hochstift

Nothgottes und die Brömser-Sage:

Die Kirche der Klosteranlage beherbergte einst ein Gnadenbild, das in den spätromantischen Nacherzählungen einer Legende mal als Marienbild, mal als Bildnis des „Blutschwitzenden Heilands“ am Ölberg ausgegeben wurde.

Johann Wolfgang von Goethe hatte es dagegen 1814 als knienden Christus mit erhobenen Händen beschrieben.

Der Legende nach sei das Schnitzwerk in den Tagen des Ritters Brömser von einem Ochsen gefunden worden. Ein Knecht hatte das Tier beobachtet, wie es mit den Hörnern im Boden grub. Dreimal sei dabei der Ruf „Noth Gottes“ erschollen.

Man fand eine hölzerne Puppe. Ritter Brömser erinnerte der Vorfall an sein nicht eingelöstes Gelübde, ein Kloster zur errichten. Am Fundort – einer Eiche – ließ er es voll Reue bauen.

Mit dem Kirchenschatz, der später in die Rüdesheimer Stadtkirche verbracht wurde, entwickelte sich Nothgottes im 17. und 18. Jahrhundert zu einem bedeutenden Wallfahrtsort im Rheingau. Das Kloster wurde 1803 mit der Säkularisation aufgehoben.

Das Gnadenbild nach einem alten Stich, aus: Kilian Müller, Die Aufhebung der Wallfahrt Nothgottes im Rheingau: ein Zeitgemälde. Mainz 1907.

Achim von Arnim in einem Brief an die befreundete Gräfin Louise von Schlitz (1802):

"Dann zog ich wieder mit der Procession nach Noth gottes und sang mit der aufbrechenden Morgenröthe und der liebligen Wallpurgis von dem Chor herab heilige Gesänge, die langsam / und herrlich duftend wie Balsam über die Menge strömten."
Die Rheinreise