„Vive l’empereur“-Rufe hallten durch den Wald bei Hanau. Bis dorthin, in den heutigen Stadtteil Lamboy nordöstlich der Kinzig, war Napoleon Bonaparte (1769-1821) gekommen und ließ sich vom Rest seiner Armee hochleben. Wenige Tage zuvor war er in der Völkerschlacht unterlegen und hatte das Feld bei Leipzig überstürzt verlassen. Nun sollte der französische Kaiser seinen letzten Sieg auf deutschem Boden einfahren. Der „Grande Armée“ stellte sich Graf Carl Philipp von Wrede an der Spitze eines bayerisch-österreichischen Heers von 30.000 Soldaten in den Weg: Wrede sollte den Rückzug abschneiden und den Alliierten ermöglichen, die Feinde einzuholen. Die Schlacht bei Hanau am 30./31. Oktober 1813 war Teil der Befreiungskriege. Fünf Gedenksteine in Hanau erinnern an das Ereignis, das den Tod von fast einem Drittel aus des Generals Reihen forderte und ihn selbst schwer verwundete. Napoleon, der unvergleichliche, sieggewohnte Feldherr, Bezwinger weiter Teile Europas, obsiegte noch dieses Mal nach heftigen Kämpfen und dem Beschuss Hanaus. Er zog weiter in Richtung Frankfurt und Mainz. Doch änderte dies nichts am Untergang des einst bewunderten Militärs, des Wirtschafts- und Justizreformers. Es war einmal, dass auch Romantiker den Korsen als Genie der Moderne verehrten. Lange schon war er nur noch der leibhaftige Dämon. In der Fantasie von Clemens Brentano sollten dem Kommandeur künftig nur noch die Ratten der Verbannungsinsel im Atlantik gehorchen. So schrieb es der Dichter in eine kuriose Verssatire, „Das Maifeld von St. Helena“ (1815). Darin schmetterte ein „martialischer“ Nager Napoleon ein ganz anderes Vivat entgegen: „Ja, du bist es, ich fühl’ es, ich weis es / Der verheißne Messias alles Geschmeißes (…)“.

Referenzen:

Clemens Brentano
Ernst Moritz Arndt
Napoleon und die Romantiker
Das Charisma Napoleons schlug Romantiker in den Bann. Sogar noch, als die Stimmung gekippt war: Achim von Arnim begegnete ihm persönlich und bezeugte, „(...) von grimmen Haß gegen Napoleon raffte mich sein Anblick fast zu einer Art Gottesfurcht gegen ihn hin“. Es sei etwas Übermächtiges, was ihn besiege, schrieb er 1807 an seine spätere Frau Bettine Brentano. Zu diesem Zeitpunkt war Deutschland nicht mehr zu finden. Durch Napoleon war das Heilige Römische Reich mit seinem Flickenteppich an Staaten vergangen. Österreich geschlagen, Preußen fast in den Boden getreten. Alle anderen deutschen Länder im Rheinbund zu Verbündeten und Schützlingen Frankreichs gemacht. Spielbälle imperialer Machtinteressen. Nichts mehr. Vorübergehend waren Romantiker wie Ludwig Tieck oder Jean Paul im Besitz einer Napoleon-Büste. Doch das Bild des Reformers, der despotisch die Errungenschaften der Französischen Revolution in annektierte Gebiete brachte, vertrug sich nicht mit dessen cäsaristischem Gebaren. Krieg und Schmach wurden Dauererscheinungen. So erfand sich ein gedemütigtes Vaterland von unten neu: Romantiker spürten dem urdeutschen Geist des Volkes in Märchen, Sagen, Liedern nach. Sie suchten das Heile im verklärten Mittelalter – eine Kulturnation bot sich gegen den Besatzer auf. Nationalpatriotische Gesinnung gärte und explodierte. Mit Impulsen aus Preußen wurde sie immer aggressiver und verlangte schließlich den Blutzoll. Der einst als „göttlich“ bedichtete Napoleon, der Hegemon und Verräter an den Idealen der Revolution, war nun das abgrundtief Böse. Den Satz Goethes, des unverdrossenen Verehrers, berichtigten die Befreiungskriege: „Schüttelt nur an euren Ketten, der Mann ist euch zu groß, ihr werdet sie nicht zerbrechen.“