„Grad der eine Blick wars“ – wie eine Initiation. Wie eine Erweckung politischer Sinne. Bettine Brentano, spätere Bettina von Arnim, traf sich Aug’ in Auge mit dem Mann, der sich geschickt als Vollender der Französischen Revolution, als Weltumwälzer und Ordnungsstifter in Szene setzte. Es war im Juli 1807 bei einer Fürstenhuldigung Napoleons in Frankfurts Thurn und Taxischen Palais: Sie, ihr Bruder Clemens, dem sich die 16jährige Auguste Bußmann kompromittierend an den Hals warf, und die Brentanosche Kinderfrau Claudine Piautaz, wohnten dem Spektakel auf einer Treppe im Palast-Hof bei. Schicksalssehnsucht überfiel Bettine da, der Wunsch, dem Kaiser nachzulaufen. Napoleon schritt herunter, blieb stehen, sah die wie einen Ast übergebeugte Bettine „starr“ an und „es stürzten mir die Tränen aus den Augen, ich zitterte und konnte mich nicht erhalten“. Kanonenschüsse gingen ihr förmlich durch den Leib. Erst 36 Jahre später fand die Episode – von der Wahrheit abweichend – den Weg in Bettinas engagierte Berliner Schrift „Dies Buch gehört dem König“ (1843). Darin versuchte sie, aus dem längst in der Verbannung Gestorbenen einen großen Mann zu machen. Es war später Ausdruck der zwiespältigen Haltung mancher Romantiker Napoleon gegenüber: Diese Figur der Geschichte habe ihr Potential nicht ausgeschöpft und das Volk enttäuscht, räsonnierte die 58jährige. Er kam wie ein Erlöser daher, „(...) aber sein Geist war gebunden durch die Herrschsucht“, verkündete Bettine dem preußischen Monarchen Friedrich Wilhelm IV. So etwas hätte sich mancher schriftstellernde Mann zu schreiben nicht gewagt.

Referenzen:

Bettine Brentano / von Arnim
Napoleon und die Romantiker
Das Charisma Napoleons schlug Romantiker in den Bann. Sogar noch, als die Stimmung gekippt war: Achim von Arnim begegnete ihm persönlich und bezeugte, „(...) von grimmen Haß gegen Napoleon raffte mich sein Anblick fast zu einer Art Gottesfurcht gegen ihn hin“. Es sei etwas Übermächtiges, was ihn besiege, schrieb er 1807 an seine spätere Frau Bettine Brentano. Zu diesem Zeitpunkt war Deutschland nicht mehr zu finden. Durch Napoleon war das Heilige Römische Reich mit seinem Flickenteppich an Staaten vergangen. Österreich geschlagen, Preußen fast in den Boden getreten. Alle anderen deutschen Länder im Rheinbund zu Verbündeten und Schützlingen Frankreichs gemacht. Spielbälle imperialer Machtinteressen. Nichts mehr. Vorübergehend waren Romantiker wie Ludwig Tieck oder Jean Paul im Besitz einer Napoleon-Büste. Doch das Bild des Reformers, der despotisch die Errungenschaften der Französischen Revolution in annektierte Gebiete brachte, vertrug sich nicht mit dessen cäsaristischem Gebaren. Krieg und Schmach wurden Dauererscheinungen. So erfand sich ein gedemütigtes Vaterland von unten neu: Romantiker spürten dem urdeutschen Geist des Volkes in Märchen, Sagen, Liedern nach. Sie suchten das Heile im verklärten Mittelalter – eine Kulturnation bot sich gegen den Besatzer auf. Nationalpatriotische Gesinnung gärte und explodierte. Mit Impulsen aus Preußen wurde sie immer aggressiver und verlangte schließlich den Blutzoll. Der einst als „göttlich“ bedichtete Napoleon, der Hegemon und Verräter an den Idealen der Revolution, war nun das abgrundtief Böse. Den Satz Goethes, des unverdrossenen Verehrers, berichtigten die Befreiungskriege: „Schüttelt nur an euren Ketten, der Mann ist euch zu groß, ihr werdet sie nicht zerbrechen.“