„Der Lotte ihre Stube Cassel d 2t Octob. 1821“ bezeichnete Ludwig Emil Grimm das kleine Interieur. Charlotte (1793–1833) war seine jüngere Schwester, das einzige Mädchen unter fünf Grimm-Brüdern, von allen geliebt und verehrt. Nach dem Tod der Mutter führte die erst 15jährige den Haushalt der Sprachwissenschaftler und Märchensammler Jacob und Wilhelm Grimm in Kassel. Das Ölbild ist eine Besonderheit in Grimms Œeuvre, dessen bevorzugte Technik die Graphik war. Er war ein herausragender Zeichner und Radierer. Auch von „Lottes Stube“ existiert eine Fassung auf Papier: ein geradezu leuchtendes Aquarell von fast identischer Größe. Lotte in ihrer Privatsphäre: Sie sitzt direkt am Fenster auf einem Hocker vor einem Nähtischchen. In den Händen hält sie ein Strickzeug. Vor ihr ist ein kleiner Bücherstapel. Aufrecht, doch entspannt hält sie den Kopf leicht gesenkt. Beim Aufblicken würde sie über Dächer sehen und den Regenbogen bemerken, den Grimm wie einen Nimbus um den Kopf der Schwester scheinen lässt. Vielfältig ist das Licht thematisiert. Der Spiegel reflektiert, der Regenbogen bricht es. Sonnenschein fällt durch das rechte – unsichtbare – Fenster und dessen Verstrebungen. Er zeichnet die Blätter der Bäumchen als Schattenfiguren auf den Boden. Überstrahlte Partien auf dem Schoß der Schwester und auf den Pflanzen, die hellen Vorhänge leuchten. Grimm buchstabiert das Potenzial des Lichtes einmal durch und spart sich die Dunkelheit. Weibliche Interieurs haben ansonsten viel von Gehäusen und werden selten von Tageslicht erhellt. Bei Caspar David Friedrich, Georg Friedrich Kersting oder Carl Gustav Carus (1889–1869) bilden Innenräume oft das Gegenstück zur weiten Welt. Darinnen muten Frauen wie die Versicherung eines Zuhauses an. Grimm gestand seiner Schwester etwas anderes zu: einen weiten Raum.

Referenzen:

Ludwig Emil Grimm
Romantik Rhein Main