Porträts spielten in der Lukasbruderschaft eine bedeutende Rolle. Einerseits dienten sie dazu, die Naturnachahmung zu schulen und „charakteristische“ Abbilder zu erstellen. Andererseits besaßen sie eine wichtige soziale Funktion, indem sie als Erinnerungs- und Freundschaftsbilder genutzt wurden und Abwesende präsent machen konnten. So betrachteten die Lukasbrüder in Sant‘Isidoro gemeinsam die Bildnisse ihrer abwesenden Freunde und Verwandten und befragten sich auch kontinuierlich in Selbstbildnissen. Die mit spontanem Pinselstrich auf Papier gemalte Ölskizze von Overbeck entstand im Juni 1807 in Wien und ist eine seiner ersten Arbeiten in der Ölmalerei. An den vorderen Bildrand gerückt und mit skeptischem Blick scheint sich der Maler kritisch selbst zu prüfen. Auch wenn er die Studie nicht als sonderlich geglückt erachtete, sah er in ihr einen pädagogischen Zweck erfüllt. Overbeck schrieb 1807 an den Vater: „Einen Kopf nach der Natur zu malen ist, wie ich gefunden habe, sehr schwer, aber deßwegen werde ich suchen, mich darin recht fleißig zu üben, denn nichts übt gewiß mehr, als nach der Natur zu studiren.“ Overbecks Freundschaft zu Franz Pforr intensivierte sich gerade in dieser Zeit. Beide Maler spiegelten ihre emotional stark aufgeladene Freundschaft in mehreren Selbstporträts, gegenseitigen Bildnissen und Bildallegorien. Das Selbstbildnis von Pforr, wohl aus dem Jahre 1810, gehört in diese Gruppe, denn Overbeck besaß die vorbereitende eigenhändige Umrisszeichnung dazu. Nach ihr fertigte er eine durch Schattierungen gleichsam „belebte“ Porträtzeichnung an. Sie dürfte ihm den 1812 an Tuberkulose gestorbenen Freund in Erinnerung gehalten haben. Pforrs Selbstbildnis ist von ungeheurer Intensität und gewollter Stilisierung, die durch lineare Härte und Mangel an Tiefe und „rilievo“ gekennzeichnet ist. Nah an die vordere Bildebene und in das Dreiviertelprofil gerückt, schaut der Maler in den Spiegel, der ihm sein Selbst ungeschönt wiedergibt. Die Strenge des Porträts ohne weiche Übergänge und sanfte Konturen verkörpert „Wahrheit“ als Hauptforderung der Lukasbrüder. Sie geht auch auf Vorbilder altdeutscher Malerei zurück, mit denen sich Pforr besonders beschäftigte.

Referenzen:

Johann Friedrich Overbeck
Franz Pforr
Die Nazarener
Auf einem Monumentalbild Friedrich Overbecks im Frankfurter Städel geben sich der italienische Renaissance-Maler Raffael und der altdeutsche Meister Albrecht Dürer die Hand. Eingereiht unter viele Figuren in dem Gemälde „Triumph der Religion in den Künsten“ (1840) stehen die Fixsterne der „Nazarener“. Mit ihnen hielt man verklärt das christliche Mittelalter hoch, als sich die Einheit von Kirche und Staat in Deutschland verflüchtigte. Die Nazarener stellen eine Strömung der Romantik von mehreren Künstlergenerationen mit echter „Corporate Identity“ dar: Kollektiv Raffael und Dürer imitierend, erhoben sie Gottes Verherrlichung zum Programm. Overbecks gemalten Handschlag hatte einst der Mönch in Wackenroders und Tiecks frühromantischen „Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders“ (1797) geträumt. Die Bewegung zu dieser literarischen Kunstbeseelung war geboren, als sich der Student Franz Pforr gegen die Zumutung erstarrten, klassizistischen Lehrbetriebs an der Kunstakademie in Wien wehrte. Mit Overbeck und religiös Gleichgesinnten schmiedete er 1809 einen Club: Der „Lukasbund“, angelehnt an den Heiligen Lukas, der (in der Legende) die Madonna malte, markiert die früheste Gruppen-Abspaltung der Kunstgeschichte. Im Jahr darauf bildeten sie in Rom eine Klostergemeinschaft malender ‚Brüder’-Freunde und damit eine erste Künstlerkolonie. Den Spottnamen „nazareni“, gemünzt auf ihre jesusgleiche Mittelscheitel-Frisur, trugen sie stolz. Die Nazarener, die manche belächelten und die doch später den deutschen Kunstbetrieb eroberten, waren innig-fromm und gefühlig. Die scheinbare Einfalt ihrer treuherzigen Kunst entsprang strengem, puristischem Kalkül. Lauter Paradoxien: In der Rückkehr mutet ihr Protest modern an. In der Hingabe an den Glauben steckte Behauptung von Identität. Im restaurativen Bestreben lag zugleich patriotischer Aufbruch.
Städel Museum
Wackenroders "Herzensergießungen ... "
Romantik Rhein Main