Auf seiner Englandreise um das Jahr 1844 hielt Johann Friedrich Voigt in seinem Skizzenbuch den Anblick von Schloss- und Burgruinen sowie von Kirchen und Klöstern als Zeichnungen fest. Mit beeindruckender Vielfalt in der Wahl der zeichnerischen Mittel und unter Einsatz von Licht- und Schatteneffekten entstanden Blätter von großer atmosphärischer Wirkung. Die dramatische, teils sogar düster-unheimliche Stimmung sowie die verfallenen mittelalterlichen Architekturen lassen Anklänge an eine dunklere Seite der Romantik erkennen. Sie fand in der zeitgenössischen Faszination für Übernatürliches und extreme Gefühlslagen wie Angst und Schrecken, speziell aber in der Popularität der sogenannten „gothic novels“, der Schauerromane, ihren Ausdruck. Wenngleich demnach die topographische Genauigkeit zugunsten des stimmungsvollen Gesamteindrucks nicht im Zentrum von Voigts Reiseskizzen stand, so weist deren Bezeichnung sowie die wiederholte Form der Blattzweiteilung auf ein systematisches Erfassen hin. Anregung für seine Vorgehensweise mag Voigt aus Stichfolgen bezogen haben, die seit Mitte des 18. Jahrhunderts die Altertümer Englands dokumentierten und im Zusammenhang mit der Wiederentdeckung der nationalen mittelalterlichen Geschichte die Bewahrung der „gotischen Ruinen“ fördern sollten.

Referenzen:

Johann Friedrich Voigt
Schauerromantik
Das Romantische, hatte August Wilhelm Schlegel (1767-1845) gesagt, besteht überhaupt „im Kontraste“. Wo Licht ist, ist auch Schatten. Paradoxerweise entwickelten sich – von englischen „Gothic novels“ auf den Kontinent greifend – aus der Aufklärung heraus Tendenzen, die sie vielfach irrational wieder untergruben: Die Faszination von Nachtseiten war historisch, psychologisch oder moralisch motiviert, manchmal vom Opium-Konsum der Romantiker. Sie war auch Reflex auf hässliche Begleiterscheinungen der Industriellen Revolution und des rapiden Fortschritts der Naturwissenschaften. Für letzteres steht ein Klassiker grausiger, phantastischer Literatur, der das Rheinland zur Kulisse hat: Mit modernster Elektrizität gebiert Mary Shelleys (1797-1851) genialer Doktor „Frankenstein“ eine elende Kreatur.
Romantik Rhein Main
Voigts Skizzenbücher sind Teil der Sammlung des Museums im Gotischen Haus