Ein Ave Maria ertönt zu Harfenklängen, die Madonnenstatue vor dem Fenster ist von einem frisch gewundenen Rosenkranz gekrönt. Das idyllische Detail aus einem Aquarell Edward Jakob von Steinles gibt Momente aus einer komplizierten epischen Dichtung Clemens Brentanos wieder: den „Romanzen vom Rosenkranz“. Doch wird es unbedarfte Betrachter überraschen, dass nicht liebliche Harmonie, sondern sündiger Inzest den Kern des Versepos bildet. Er ist der Ur-Fluch, der alle Hauptpersonen belastet. Ohne zu wissen, dass sie Geschwister sind, müssen drei Liebespaare eine versteckte Schuld und die Gefahr weiteren Inzests mit Keuschheit überwinden. Die Vorgeschichte dazu erzählte Brentano in dem Zyklus merkwürdigerweise nicht. Angesiedelt im mittelalterlichen Bologna kombinierte der Dichter Historisches, Märchenhaftes und Erotisches mit ernsten theologischen Gedanken zur Lösung einer „unendlichen Erbschuld“ durch die Erfindung des Rosenkranzes. Eine düster-sinnliche Gesamtstimmung trägt die Romanzen, für die Brentano eine wohllautende Lyrik mit Vokal-Reimen und Gleichklängen einsetzte, die er einer spanischen Strophenform nachbildete. Liebe und Leidenschaft, Schuld und Sühne wachsen ins Mythische hinein und meinen die ganze Menschheitsgeschichte. Trotz der verworrenen Handlung und des hermetischen Beziehungsgeflechts gilt der unvollendete Gedichtzyklus als Meisterwerk der deutschen Romantik. Er bildet Personen aus Brentanos Umkreis ab und seine katholische Frömmigkeit: „Während ich so lebte, entstand in mir unbewußt die Begierde ein Gedicht zu erfinden wie ich gern eines lesen möchte ...“. So schrieb er dem Maler Philipp Otto Runge, den er um Randzeichnungen bat. Von den Romanzen habe er empfunden, „daß sie von mir waren“. Runge starb jedoch 1810 über den sich anbahnenden Auftrag. In seinem späten Freund Steinle fand Brentano Ersatz für sein religiöses Kunstverständnis.

Referenzen:

Geschichte/n (Steinle)