Der Karton ist die Vorzeichnung für das bekannteste Gemälde Overbecks, „Italia und Germania“. Overbeck hatte die Komposition 1811 für seinen Freund Franz Pforr als Gegengabe für das Diptychon „Sulamith und Maria“ begonnen. Ursprünglich sollten die beiden Frauengestalten die idealen „Bräute“ aus Pforrs Märchen von „Sulamith und Maria“ repräsentieren, das dieser 1811 für Overbeck verfasst hatte. Die Vorgeschichte dieser Bildkonzeption, die Overbecks und Pforrs emphatische Freundschaft poetisch überhöhte, kann bis in die Wiener Zeit zurückverfolgt werden. Beide Maler hatten sich ideale Frauenfiguren als Personifikationen ihrer Kunstprinzipien erdacht, wobei die südlich-orientalisch anmutende Sulamith Overbeck zugesprochen war, während die blonde Maria den altdeutschen Part Franz Pforrs repräsentierte. Erst nach Pforrs Tod 1812 und im Laufe des langen Werkprozesses wandelte sich die sehr private ursprüngliche Bedeutung des Bildes zu derjenigen einer allgemeingültigen Allegorie. Der Titel „Italia und Germania“, der die Vereinigung der Kunstprinzipien von Nord und Süd zum Hauptgegenstand erhebt, geht noch auf Overbeck selbst zurück, der 1829 in einem Brief an den Käufer des Bildes, den Frankfurter Kunsthändler Johann Friedrich Wenner, die Bedeutung darlegte. Overbeck bereitete das Gemälde in mehreren Zeichnungen vor, von denen ein vollständig ohne Pentimenti ausgeführter Karton, möglicherweise eine spätere Wiederholung, erst 1999 aus Privatbesitz aufgetaucht ist und nach 1815 datiert werden muss. Der Lübecker Karton ist die wichtigste Entwurfszeichnung und zeigt noch links hinter „Italia“ den später ausradierten Hochzeitszug der beiden Maler mit ihren Bräuten, wie er in Pforrs Märchen beschrieben ist. Nach dem zügigen Beginn 1811 ruhte die Komposition, bis Overbeck das Gemälde im Auftrag Wenners bis 1828 ausführte. Die persönliche Bedeutung wandelte sich erst dann zu der allgemein verständlichen Bildallegorie von „Italia und Germania“.

Referenzen:

Johann Friedrich Overbeck
Romantik Rhein Main