In den kleinen Ölstudien hielt Carl Ludwig Seeger Landschaften aus der Umgebung Darmstadts fest. Sie zeigen eine Odenwaldlandschaft und eine Partie im südwestlichen Ried, der weiten, damals sumpfigen Ebene zwischen Rhein und Bergstraße. Beide haben ein gelängtes Querformat und geben dem Himmel mehr Raum als dem hügeligen Land. Verschattete Bäume oder Baumgruppen verbinden Himmel und Erde. Menschenleer und unspektakulär die Landschaften: Weder gibt es Besonderheiten der Natur noch Bauten. Die Alltagserscheinung ist das alleinige Motiv. Die Landschaft kann so die eigene Schönheit offenbaren. Seeger gilt als reiner Landschaftsmaler, auch wenn seine ausgeführten Gemälde häufig figurenreiche Staffage aufweisen. Carl Rottmann, sein Münchener Akademielehrer, wird diese Vorliebe unterstützt haben. Doch Seeger setzte sich von dessen ideal-antiker Auffassung ab. Nicht Utopie, sondern Lebenswirklichkeit bestimmte seine Landschaftsperspektive. In zahlreichen im Freien ausgeführten Ölskizzen hielt der Künstler zügig flüchtige Stimmungen fest. Tageszeiten, Wetter und Himmelserscheinungen haben mehr Gewicht als die Orte selbst, was für Seegers ausgeführte Gemälde nicht zutrifft. Auch in den Studien liegt besondere Aufmerksamkeit auf dem Himmel. Unvermittelt überschnittene Bildränder und betonte Horizontalen erzeugen das Gefühl von Weite. Beides ahmt einen schweifenden Blick nach. Die Schichtungen von Landschaft und Himmel korrespondieren: Wege und Sumpf, Böschungen und Hügelketten bilden den Boden, Wolkenbänke und Dunstschleier setzen das Prinzip oben fort. Dieser beruhigten Form gab Farbe die Stimmung: dem Ried einen dramatischen Sonnenuntergang, dem Odenwald einen sanften Tagesanbruch. Im Ried ist die Sonne am Horizont noch halb zu sehen und stärkt die Leuchtkraft der Farben: Flammendes Orange, Violett und Gelb färben den Himmel und werfen einen rötlichen Schein auch auf das vereiste Schilf. Der Odenwaldhimmel ist zarter gefärbt. Helles Gelborange, zarte Blautöne und die violette Färbung der Berge künden den Sonnenaufgang an. Seeger beobachtete jeweils genau, dass die Landschaft dunkler erscheint. Vor der leuchtenden Transparenz des Himmels wirkt sie fast wie ein Schatten. „Himmelsseeger“ wurde er dafür bereits in München genannt.

Referenzen:

Carl Ludwig Seeger
Nicht Utopie, sondern Lebenswirklichkeit:
Diese Herangehensweise an Landschaften verband Carl Ludwig Seeger im Kontext der Rhein-Main-Romantiker mit Carl Morgenstern. Mit ihrer beider Ausrichtung während der Münchener Studienzeit standen sie unter den Künstlern der Region eher allein. Die meisten ihrer Altersgenossen studierten zu jener Zeit in München bei Peter Cornelius. In Darmstadt, wo Seeger 1837 in der Nachfolge Franz Hubert Müllers Leiter der Zeichenschule und im folgenden Jahr Direktor der Gemäldegalerie wurde, trafen diese unterschiedlichen Richtungen – die Anlehnung an Rottmann und die an Cornelius – wieder aufeinander.
Romantik Rhein Main