Was? „Ärschlein“ steht im Deutschen Wörterbuch? Wie reizend. Als sich die Brüder Grimm an das Riesenwerk einer Gesamterfassung des Neuhochdeutschen setzten, war’s allerdings noch recht anstößig. Im Unterschied zu anderen Wörterbuch-Autoren ließen sie den Sprach-Schmutz nicht aus. „selbst in der bibel gebricht es nicht an wörtern, die bei der feinen gesellschaft verpönt sind“, wehrte Jacob Grimm mögliche Empörung ab. Nun ist das „Ärschlein“ prominent platziert, denn in der nigelnagelneuen GRIMMWELT auf dem Weinberg in Kassel ist der Rundgang zu Leben und Werk des berühmten Paares als Abfolge von Wörterbuch-„Lemmata“ geordnet. 26 Begriffe von A-Z führen die Besucher zunächst zwischen Wände, die wie Buchseiten wirken. Auch die weiteren Räume schildern Leben und Werk von Jacob und Wilhelm sowie ihres Künstler-Bruders Ludwig Emil in erlebbaren Szenen. Nichts ist spröde hier: Kurzweilig und verspielt verschränkt die Ausstellung historische Exponate mit medialen Installationen, Kunst (von Ai Weiwei, Ecke Bonk, Antoni Miralda …) und interaktiven Formen. In dem als begehbare Skulptur entwickelten Museumsneubau stellt Infotainment die beliebtesten ‚Märchenonkel’ gleichberechtigt neben die fleißigen Sprachwissenschaftler, Rechtshistoriker und politisch Engagierte. Was man alles nicht über sie wusste! Dem alphabetischen Glossar folgt auch der frisch gedruckte Hauskatalog. Mit anregenden Essays übersetzt der Lese- und Bildband den Grimm-Kosmos in Gegenwart und Zukunft.

Referenzen:

Brüder Grimm
Ludwig Emil Grimm
Nur Märchen?
Die „Kinder- und Hausmärchen“ der Gebrüder Grimm reihen sich unter die großen Sammlungen von Volksliedern, Mythen, Märchen und Sagen, die die Romantiker wie Schatzgräber zusammentrugen. Angesichts der napoleonischen Herrschaft und einer ungewissen Zukunft besannen sie sich auf das wahre Unverfälschte, das echte Unverbrauchte des Vaterlands. Indem sie einen „nationalen Volksgeist“ beschworen, verfolgten sie das Ziel, bei ihren deutschen Landsleuten das Bewusstsein einer Kulturnation zu schärfen. In den mündlich überlieferten Märchen etwa sahen Jacob und Wilhelm Grimm nichts weniger als den „Urgrund des Volkes“. Doch stammten sie nicht von hessischen Ureinwohnern, wie behauptet. Heute weiß man, dass sie sich das angeblich ländliche Erzählgut – „nirgends her erborgt“ – teils von gehobenen Bürgersfamilien mit hugenottischen Wurzeln holten und gelehrsam redigierten.
Die meiste Zeit ihres Lebens verbrachten die Brüder in Hessen:

Ist die GRIMMWELT ein modernes Konstrukt der Museumslandschaft, bietet das malerische Brüder Grimm-Haus in Steinau an der Straße noch den Charme eines originalen Schauplatzes. Die Stadt Hanau setzte ihren berühmtesten Söhnen ein Denkmal, denn das Geburtshaus steht dort nicht mehr.
Steinau und das Brüder Grimm-Haus
Brüder Grimm-Nationaldenkmal